Branntwein, Bibeln und Bananen – Der Versuch einer postkolonialen Sichtweise auf Theologie

Zu den Hauptaufgaben des Vereins zur Förderung feministischer Theologie in Forschung und Lehre e.V. gehört es Projekte zu fördern, die die feministische Theologie voran bringen.
Das neueste vom Verein geförderte Projekt, war der im Januar 2014 stattgefundene feministische Studientag in Marburg. Ein Bericht von Selina Moll.

„Branntwein, Bibeln und Bananen – Der Versuch einer postkolonialen
Sichtweise auf Theologie“
– ein Bericht vom Feministischen Studientag 2014 –

Am 22. Januar 2013 fand am Fachbereich Evangelische Theologie in Marburg der 24. Feministische Studientag statt. Der Studientag soll Menschen aller Geschlechter die Möglichkeit bieten, sich interdisziplinär unter feministisch-kritischem Blickwinkel mit einem aktuellen Thema auseinander zu setzen. In diesem Jahr war das Thema „Branntwein, Bibeln und Bananen – Der Versuch einer postkolonialen Sichtweise auf Theologie“.
Der Studientag wurde von der Fachbereichsfrauenbeauftragten Selina Moll und einer Gruppe von Studierenden vorbereitet. Bereichernd war die interdisziplinäre Zusammensetzung des diesjährigen Studientagsteams. Seit Juli 2013 hatte sich die Gruppe auf den Studientag vorbereitet, gemeinsam Texte zum Thema gelesen, diskutiert und die Veranstaltungen geplant. Es war ein sehr lehrreicher, selbstreflexiver und spannender Prozess für die Gruppe.
Neben dem Studientag gab es eine Filmvorführung „Und dann der Regen“ im Dezember 2013 zum Thema „(Neo-)Kolonialismus und Mission“ und eine Veranstaltung zu May Ayim, der 1996 verstorbenen afro-deutschen Aktivistin, Wissenschaftlerin und Dichterin, die eine wichtige Rolle in der sich seit den 80er Jahren organisierenden Schwarzen Bewegung in Deutschland inne hatte.

Was meint postkolonial?
Wer unsere Zeit als „postkolonial“ bezeichnet, spricht gleichzeitig von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mit dem Begriff „postkolonial“ kommen die Voraussetzungen der gegenwärtigen Globalisierung und ihre wirtschaftliche und kulturelle Vorgeschichte zur Sprache. Die Bezeichnung „postkolonial“ verweist auf die Nachwirkungen kolonialer Beziehungen, ohne zu behaupten, wir lebten nach wie vor in einem kolonialen Zeitalter. Das Wort „post“ bedeutet also nicht, dass etwas überwunden und hinter sich gelassen worden ist, sondern dass die koloniale Geschichte sich immer
noch in der Gegenwart spiegelt.

Vortrag „(Post-)Kolonialwaren im Angebot: Was Theologie mit Kolonialität zu tun hat.“
Der Studientag selbst wurde mit einem Vortrag der postkoloniale Theologin Marion Grau mit dem Titel
„(Post-)Kolonialwaren im Angebot: Was Theologie mit Kolonialität zu tun hat.“ eröffnet. Frau Grau hat in Deutschland Theologie studiert und lehrt seit vielen Jahren als Associate Professor of Theology in Berkeley (Kalifornien) Sytematische Theologie. Ihr Vortrag war von persönlichbiographischen Erfahrungen rund um die Themenfelder „Mission und Kolonialismus“, „weiße Schuld (white guilt)“, „Theologie nach Ausschwitz“ und „Intersektionalität und Theologie“ geprägt.
In erzählerischem Stil ging sie auf ihre Jugend- und Studierzeit in Deutschland ein, auf Diskussionen mit Schwarzen Studierenden in Berkeley und Erfahrungen im Gespräch mit indigenen Gruppen, wie den Maori in Neuseeland. In der anschließenden Diskussion wurden verschiedene Fragen aufgeworfen. Eine Studierende fragte z.B. wie sich postkoloniale Theologie zu Antisemitismus verhalte, konkret am Beispiel der postkolonialen Analyse der Landnahme-Erzählung in der Hebräischen Bibel. Ein anderer Zuhörer ging auf die Kontextualisierung postkolonialer Theologie in Deutschland ein und stellte heraus, dass ein Arbeitsfeld der Widerstand von christlichen Gemeinschaften gegen den vorherrschenden antimuslimischer Rassismus sein könnte, welcher oft auf einer Gegenfolie der christlich-abendländischen Identität beruhe. Zu dem Vortrag kamen ungefähr 45 Besucher_innen.
Im Anschluss an den Einführungsvortrag gab es drei Workshops, die von Studierenden vorbereitet wurden. An den Workshops nahmen ca. 20 Menschen teil. Leider konnte aufgrund fehlender Teilnehmer_innen ein Workshop nicht stattfinden.

Postkoloniale Gottesbilder bei M. Althaus-Reid
Zu Beginn wurden in diesem Workshop Ausschnitte aus dem Film „Das koloniale Missverständnis“ angeschaut. Die Dokumentation thematisiert die Verstrickung von Missionierung und Kolonialisierung mit dem Fokus auf Deutschland als ehemalige Kolonialmacht. Die Teilnehmenden fragten sich welche Gottes- und Menschenbilder in den Filmausschnitten sichtbar werden. In der Diskussion wurde deutlich, wie das Gottesbild mit dem jeweils eigenen Menschenbild und mit den gesellschaftlichen Analysen zusammenhängt. Insofern baute sich zur Kolonialzeit zum Beispiel ein Gottesbild auf, das weiße Menschen bemächtigte und die Kolonialisierung legitimierte. Im zweiten Block gab Sabine Jarosch eine kurze Einführung in postkoloniale Theorie. Einer der wichtigen Themen für den Workshop war die Frage nach Repräsentation und Identität, also „Wer spricht für wen und wer wird nicht gehört?“. Der andere Fokus lag auf dem Konzept Territorialität, zugespitzt in der Frage „Von wo aus wird gesprochen und wird das benannt?“. Anschließend wurden zwei Texte von Marcella Althaus-Reid gelesen, in denen sie über Gottesbilder spricht. Althaus Reid sagt: „Der Weg von einem Gott an den Rändern zu einem marginalen Gott
[…] könnte die Aufgabe einer postkolonialen Theologie sein […].“[1] In den Texten fragt Althaus-Reid die Befreiungstheologie von der postkolonialen Theorie her an: Ein Gott, der sich zu den Armen nur hinabbeugt bzw. für sie Partei ergreift und nicht selbst marginal ist, stamme weiterhin aus dem kolonialen Zentrum. Sie spricht selber von einer marginalen Gott. Ihr „Marginal God“ ist aufs Engste mit postkolonialen Konzepten wie Überwindung eines Sprechen für Andere (Repräsentation), Sensibilität für Raum- und Geschlechtskonstruktionen und Ermöglichung von Widerstand verknüpft.

White Charity – Schwarzsein & Weißsein auf christlichen Spendenplakaten“.
In diesem Workshop wurde zuerst in einem theoretischen Input wurde auf die Funktionsweise von Rassismen eingegangen und die Verknüpfung von Kolonialismus und Rassismus besprochen. Darüber hinaus wurde auf das Themenfeld des Kritischen Weißseins eingegangen. Dabei geht es grundsätzlich darum „Weißsein“ als sozial-konstruierte Norm zu benennen, welche weiße Menschen global gesehen im Zugang zu Ressourcen und Macht privilegiert und so in Verbindung mit anderen Herrschaftsverhältnissen eine weiße Vorherrschaft („white supremacy“) vom historischen Kolonialismus bis in die heutigen neokolonialen Gesellschaften konstituiert. Da Sprache einen wichtigen Anteil an der Aufrechterhaltung von rassistischen Begriffen und Fremdzuschreibungen hat, wurden zum Schluss alternative Begriffe wie People of Color oder Schwarze Deutsche dargestellt, die aktuell von manchen Menschen die in Deutschland Rassismuserfahrungen machen, benutzt werden.

Im zweiten Teil konnten die Teilnehmenden in einem „Museumslauf“ verschiedene Spendenplakate von deutschen Entwicklungs- und Hilfsorganisationen, wie Brot für die Welt oder PlanB, anschauen und darüber gemeinsam ins Gespräch kommen. Anschließend wurde ein Ausschnitt aus dem Film „White Charity“ angeschaut, der die entwicklungspolitische Plakatwerbung in Deutschland aus einer rassismuskritischen und postkolonialen Perspektive analyisiert. Die zentrale These des Films ist, dass trotz neuer Kodizes die Plakate einer Selbstvergewisserung weißer Identität als höherwertig dienen. Gleichzeitig werde das Verhältnis zwischen globalem Norden und Süden entpolitisiert und enthistorisiert. Tragend sei dabei unter anderem die aus der Kolonialzeit stammende Konstruktion des Anderen durch die Zuschreibung von Defiziten oder unterdrückten Sehnsüchten. Auch heute noch seien in der Entwicklungszusammenarbeit die Themen Armut, Hunger, „Unterentwicklung“, mangelnde Bildung und Krankheit zentral. Diese Konzentration auf Mangel und Defizite sei ein wesentlicher Bestandteil des „kolonialen Blicks“ (Henning Melber). Die als anders Konstruierten würden dabei essentialisiert und auf eine (konstruierte) Eigenschaft reduziert. Am Ende der Workshops wurde sich über mögliche Veränderung von Plakaten ausgetauscht, aber auch grundlegende Fragen über Entwicklungszusammenarbeit, Alltagsrassismus in Deutschland und den Umgang bzw. das Verlernen von weißen Privilegien angestoßen.

Koloniale Blicke innerhalb schulischer und universitärer Bildungsarbeit
In diesem Workshop sollte anhand einer (von Montessori inspirierten) Lerntheke in partizipativer Weise ein Verständnis von Rassismus, othering und Kolonialität erarbeitet werden. Othering könnte mit „jemanden anders/andersartig machen“ übersetzt werden. Es beschreibt den Prozess, in welchem willkürlich ein Merkmal unter Menschen herausgegriffen wird und Menschen mit diesen Merkmalen als andersartig, „fremd“ klassifiziert werden. Resultat ist dabei ein Abgrenzen von „den Anderen“, sei es wegen des Geschlechts, der Religionszugehörigkeit, der „Rasse“ oder ethnischen Zugehörigkeit usw.. Gleichzeitig dient diese Konstruktion von Differenz, dazu die eigene Identität als normal und implizit höherwertig darzustellen. Das „Selbst“ wird so als antagonistisches Gegenstück zum „Anderen“ erst denkbar. Im Workshop sollten außerdem verschiedene Beispiele aus Schulbüchern, aber auch aus der Freiwilligenarbeit, mit einer postkolonialen Brille diskutiert werden. Leider konnte der Workshop aufgrund zu weniger Teilnehmenden nicht stattfinden.

Andacht und Ausklang
Die aufgekommenen Fragen, neuen Impulse und Irritationen brachten wir in einer politischen Abendandacht ein. Leitend war in der Andacht ein Gedicht von May Ayim und ein Ausschnitt aus dem Buch Ruth. Zur Andacht waren ca. 30 Menschen gekommen.
Gemeinsam ließen wir den Tag bei einem gemütlichen Abendessen und vielen Gesprächen bis spät in die Nacht ausklingen.

Grenzenlos und unverschämt
ich werde trotzdem
afrikanisch
sein auch wenn ihr
mich gerne
deutsch
haben wollt
und werde trotzdem
deutsch sein
auch wenn euch
meine schwärze
nicht paßt
ich werde
noch einen schritt weitergehen
bis an den äußersten rand
wo meine schwestern sind
wo meine brüder stehen
wo
unsere
FREIHEIT
beginnt
ich werde
noch einen schritt weitergehen und
noch einen schritt
weiter
und wiederkehren
wann
ich will
wenn
ich will
grenzenlos und unverschämt
bleiben
(May Ayim 1990)
Selina Moll, stud. Frauenbeauftragte des Fachbereich 05, Februar 2014


ALTHAUS-REID, MARCELLA, Der göttliche Exodus Gottes. Unfreiwillig an den Rand gedrängt, für die
Marginalisierten Partei ergreifend oder wirklich marginal?, in: Conc(D) 37 (2001), 33–40, 22.

Dieser Film ist frei verfügbar unter www.whitecharity.de.

 

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