Preisträgerin 2015

Aliyah El Mansy erhält den Leonore Siegele-Wenschkewitz Preis 2015

Manchmal gibt es solche Sternstunden: Die Dissertation einer jungen Wissenschaftlerin wird in einer Art akademischen Feierstunde gewürdigt und die Anwesenden fühlen sich herausgefordert, an ihre Familiengeschichte oder an Erlebtes und Erzähltes zu denken. So erging es vielen bei der Verleihung des Leonore Siegele-Wenschkewitz Preises 2015 an Aliyah El Mansy für ihre Arbeit zu Eheschließungen über die Grenzen der eigenen sozialen Gruppe hinweg („exogame Ehen“) in jüdischen, griechischen und römischen Schriften der Antike. Die Marburger Theologin hat dargelegt, wie zeit- und kontextabhängig die positiven und negativen Wertungen solcher Ehen sind. Immer wieder stellen sie eine Reaktion auf eine Situation dar, die die eigene Identität herausfordert. Der detaillierte Blick in unterschiedliche antike Wertungen von Ehen über die Grenzen der eigenen sozialen Gruppe hinweg ließ die Anwesenden unwillkürlich daran denken, was im eigenen Umfeld heute als eine Eheschließung angesehen wurde oder wird, die Grenzen überschreitet und wie sich die Reaktionen darauf wandeln. So schwang in der Feierstunde in der St. Nicolai Gemeinde in Frankfurt (die Gemeinde war Gastgeberin, weil die Ev. Akademie Frankfurt derzeit umgebaut wird) mehr mit, als nachzulesen sein wird, wenn die Untersuchung hoffentlich bald als Buch erhältlich ist.

In jedem Fall wurde deutlich: Die ausgezeichnete Arbeit besticht durch ihren weiten Horizont, die Fülle des herangezogenen sehr unterschiedlichen Quellenmaterials sowie die prägnante und verständliche Darstellung. In seiner Laudatio hat Prof. Dr. Rainer Kessler hervorgehoben, mit welcher Selbstverständlichkeit die Preisträgerin feministisch-theologische Fragestellungen in die vielfach geforderte Intersektionalität eingliedert. Das Phänomen der exogamen Ehen lässt sich eben nicht isoliert nur unter dem Genderaspekt verstehen, sondern erfordert den Blick auf soziale, wirtschaftliche, religiöse, ethnische und andere Aspekte. Die Jury des Leonore Siegele-Wenschkewitz Preises war sich daher einig, dass diese wissenschaftliche Herangehensweise die feministisch-theologische Forschung in besonderem Maße vorantreibt, neue Blickweisen eröffnet und sie mit großer Selbstverständlichkeit in einen breiten Horizont stellt. Aliyah El Mansy hat mit ihrer Dissertation somit nicht nur ein Standardwerk zu exogamen Ehen in der Antike verfasst, sondern einen wichtigen Beitrag zu einem zukunftsträchtigen feministisch-theologischen Diskurs geleistet.

Der Leonore Siegele-Wenschkewitz Preis ist mit einem Preisgeld von 3.000 Euro verbunden und dient der Auszeichnung von Beiträgen, die in besonderer Weise die feministische Theologie oder die Gender Studies in der Theologie fördern. Er wird alle zwei Jahre vom Verein zur Förderung Feministischer Theologie in Forschung und Lehre e. V. in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie Frankfurt, der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und dem Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e.V. vergeben, 2015 bereits zum achten Mal. Mit dem Preis wird gleichzeitig an Leonore Siegele-Wenschkewitz erinnert. Die 1999 verstorbene Direktorin der Evangelischen Akademie Hessen und Nassau war mit ihrem Engagement für kirchliche Zeitgeschichte, den christlich-jüdischen Dialog, feministische Theologie und theologische Frauenforschung richtungsweisend. Während der Preisverleihung wurde bekannt, dass ab der kommenden Ausschreibung neben dem regulären Preis auch ein mit 500 Euro Preisgeld dotierter Preis für Nachwuchswissenschaftler_innen vergeben werden wird als Ermutigung zu entsprechenden Fragestellungen bereits während des Studiums.
Laudatio von Prof. Dr. Rainer Kessler
Grußwort Kirchenleitung Wenschkewitz
Grußwort von Pfarrerin Angelika Thonipara für den Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e.V.

Fotos: © Gunther Pauly – Gunther’s Photo Art

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